Hier finden Sie täglich eine kleine Anzahl beachtenswerter Artikel, in der Hoffnung, dass unsere Textempfehlungen etwas zur Steigerung der Empfindungsfähigkeit der Menschen untereinander beitragen.
Amoklauf eines Toten
Eintrag von Robert John, 21. März 2009
Schulgemeinschaften müssten von Aufmerksamkeit, gegenseitiger Wertschätzung und Sorge füreinander geprägt sein. Das mache "junge Menschen stark" und helfe, "dass niemand zurückbleibt", sagt Bundespräsident
Horst Köhler (21.03.2009) bei der Trauerfeier in Winnenden nach dem Amoklauf eines 17-jährigen Jugendlichen an seiner ehemaligen Schule.
Die Realität sieht oft ganz anders aus. "Schließlich kennt man den Tatort: die Schule", schreibt Georg Seesslen in der
Jungle World. "Seit es sie gibt, war sie eine grausame Instanz, trotz zeitweiser Humanisierungsversuche. Grausam ist einerseits das System selbst, das blind Anforderungen stellt, grausam ist die Praxis der Anstalt, in der kaum mit Faszination, stattdessen hauptsächlich mit Disziplinierung, mit Angst und mit Drohung gearbeitet wird."
Heute werde zwar kein Schüler mehr geschlagen, aber wer versage, so Seesslen weiter, werde "vielmehr in ein Leben entlassen, in dem er wegen seines Versagens bis ans Ende geschlagen, eingesperrt und gedemütigt wird." Das Scheitern in der Schule, sei das "vorweggenommene Scheitern im Leben. Kein Wunder also, dass school shooters so oft aus diesem verfehlten Leben zurückkehren an den Ort ihrer Verdammung."
Georg Seesslen: Ödipus mit der Waffe
Jungle World, 19. März 2009, Nr. 12